MIG-Absturz am Plattenhausenriegel – Hintergründe

Flugzeugabsturz am Plattenhausenriegel

Flugzeugabsturz am Plattenhausenriegel – Am 20. Juni 1963 stürzten zwei tschechoslowakische MIG-15 Düsenjäger am Grenzkamm zwischen Rachel und Lusen im Bayerischen Wald ab.

Die verunglückten Flugzeuge stammten aus dem Luftwaffen-Geschwader in Košice (heutige Slowakei) und waren vorübergehend im südlich von Pilsen gelegenen Dobrany im Einsatz. Bei einem Übungsflug am 20.06.1963 sollten die Piloten, Oberleutnant Josef Dostál, Oberleutnant František Beran und Leutnant Pavel Šrotýř, mit drei MIG-15 Kampfjets von Dobrany, der Bahnlinie Nepomuk – Brno – Piešťany – Košice folgend, zum Geschwaderstandort in Košice zurückfliegen (Übersichtskarte).
Lt. dem CSSR-Untersuchungsbericht von 1963 war die Flugplanung von Änderungen und Verschiebungen geprägt. Die Piloten waren aus diesem Grund schlecht vorbereitet, zudem war das Wetter am Flugtag für die auf Sicht fliegenden MIG-15 nicht optimal.

Kurz nachdem die drei MIG’s auf die Bahnlinie gestoßen sind passierte ein verhängnisvoller Fehler. Staffelkommandant Dostál hatte vor, zuerst der Eisenbahnlinie von Blovice nach Nepomuk zu folgen, verwechselte diese jedoch mit der Strecke Přeštice – Klatovy (Klattau). Statt nach Osten folgten sie den Bahnschienen nach Süden, die Piloten verloren ihre Orientierung. Im Grenzgebiet von Železná Ruda/Bayerisch Eisenstein trafen die Piloten auf erste, tiefhängende Wolken die sich am Bayerisch-Tschechischen Grenzkamm gebildet hatten. Die Gruppe flog nun weiter den Bahnschienen nach, über die Grenze in den Luftraum Bayerns. Über Zwiesel waren die Flugzeuge, die nicht für Wolkenflug ausgerüstet waren, bereits in dichten Wolken. Der Pilot Beran löste sich über Zwiesel von der Gruppe, verm. verlor er bei der Richtungsänderung nach Osten den Sichtkontakt und rettete damit wohl sein Leben. Er flog über eine Schleife wieder nach Norden (grüne Linie) und schaffte es, nachdem er ein Notsignal gesendet hatte, mit dem Zielerfassungsdienst aus den Wolken heraus nach Dobřany zurückzukehren (blaue Linie in der Skizze).

Die verbleibenden zwei MIG’s änderten über Zwiesel ihren Kurs nach Osten (rote Linie in der Skizze) und verließen den bayerischen Luftraum nördlich des Großen Rachels, in niedriger Höhe flogen sie über die Grenze in die Tschechoslowakei zurück. Das Luftverteidigungssystem der CSSR erfasste die MIG’s als Eindringlinge, es wurde kurzzeitig Alarm ausgelöst, bis man die Flugzeuge als eigene Maschinen erkannte. Noch immer in den dichten Wolken am Grenzkamm, änderte Dostál darauf seinen Kurs wieder nach Süden, um 15:48 Uhr streiften die beiden MIG’s mit hoher Geschwindigkeit die Baumwipfel und zerschellten am wolkenverhangenen Bergrücken des Plattenhausenriegel, im Bereich Bärnlochriegel (Grenzstein 26/10). Die ersten Bäume wurden bereits auf der tschechischen Seite erfasst, es wurde eine 25m breite und 300m lange Schneise in den damaligen Bergwald gerissen, die Flugzeugtrümmer landeten auf der bayerischen Grenzseite.

Die Piloten, Oberleutnant Josef Dostál und Leutnant Pavel Šrotýř hatten keine Überlebenschance, beide waren 29 Jahre alt und verheiratet. Oberleutnant František Beran, der überlebende Pilot, starb acht Jahre später bei einem MIG-19 Absturz.

Quelle: CSSR-Untersuchungsbericht von 1963, Zentrales Militärarchiv Prag

Flugroute vor dem Absturz - Zentrales Militärarchiv Prag, Originalskizze mit eigenen Anmerkungen
Flugroute vor dem Absturz – Zentrales Militärarchiv Prag, Originalskizze mit eigenen Anmerkungen

Auf westlicher Seite wurde der Absturz durch Abhörmaßnahmen des Funkverkehrs bekannt. Etwa 1 Stunde nach dem Absturz, gegen 17 Uhr meldete die Luftwarte Prag die Düsenjäger als vermisst. Daraufhin begann auch auf bayerischer Seite eine fieberhafte Suche durch Bundesgrenzschutz, Zoll und Bayerischer Grenzpolizei, sowie US-Kräften mit Hubschraubern. Erst mit beginnender Nacht wurde die Suche ergebnislos abgebrochen.
Am Freitagmorgen gegen 6.30 Uhr stieß eine Streife des deutschen Zoll auf die Absturzstelle. Es gab deutliche Anzeichen dafür, daß CSSR-Grenztruppen die Unglücksstelle schon früher entdeckt und wohl auch aufgesucht hatten.
Eine der Maschinen war bewaffnet und aufmunitioniert, die andere ohne Bewaffnung.

Zwei Tage nach dem Absturz wurden die sterblichen Überreste der beiden Piloten einer CSSR-Abordnung übergeben und in ihre Heimat überführt. Fünf tschechoslowakische Offiziere und ein San-Trupp überschritten am Samstag, den 22.06.1963, gegen 15:00 Uhr die Grenze und bargen die Leichenteile, die Übergabe erfolgte formlos am Grenzstein 26/10.

Die Freigabe der Wrackteile erfolgte am Montag 24.06.1963. Zur Bergung der Flugzeugtrümmer wurde ein Passauer Alteisenhändler beauftragt, der die Absturzstelle im damaligen Hochwald (ca. 1300 Hm, heute Nationalparkgebiet) mit einem selbstgebauten Pferdeanhänger nach und nach räumte.

An der Unglücksstelle am Grenzstein 26/10 steht seit Herbst 2014 ein kleines Marterl, die 300m lange Absturzschneise ist noch zu erkennen, es ist heute ein intakter Fichtenbestand im sonst abgestorbenen Bergwald. Die Absturzstelle liegt Kerngebiet des Nationalparks Bayerischer Wald, man sollte hier die Betretungszeiten beachten, siehe dazu auch den Beitrag Plattenhausenriegel und Spitzberg.

Absturzstelle zwischen Rachel und Lusen im NP Bayerischer Wald
Karte der Absturzstelle zwischen Rachel und Lusen im NP Bayerischer Wald

Alte Zeitungsberichte zum damaligen Flugzeugabsturz:

● Zwei tschechische Düsenjäger abgestürzt (jpg)
● Die toten CSSR-Piloten am Grenzstein 26/10 übergeben (jpg)
● Als Düsenjäger in den Hochwald stürzten (jpg)

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