Auswandererbriefe von 1886 – Schilderungen eines Waidlers

Historische Auswandererbriefe von 1886Historische Auswandererbriefe vom Holzschuhmacher Schmid, der 1885 nach Saint Paul/Minnesota auswanderte, geschrieben an seinen Freund, den Holzhauer Schroi aus Wasching (Bayerischer Wald).

Nach der Reichsgründung gingen in den Jahren zwischen 1880 und 1893 mehr als 1,8 Millionen Deutsche in die USA. Während dieser dritten und größten Auswanderungswelle wanderte auch der Bayerwaldler Anton Schmid über Antwerpen nach Saint Paul/Minnesota in den Vereinigten Staaten aus, hier wollte er sich sein Geld mit Holzschuhmachen verdienen.
In seinen beiden Briefen an seinen Freund Schroi, einen Holzhauer aus Wasching bei Ringelai im Bayerischen Wald, schilderte er seine Überfahrt und erzählt von seinen Erlebnissen und den damaligen Gepflogenheiten im „Land der Freiheit“.

In der folgenden 1:1 Übersetzung aus der altdeutschen Schrift wurden die Rechtschreibfehler bewusst nicht korrigiert.

Beide Auswandererbriefe von 1886 als Pdf
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Erster Brief vom 08. Januar 1886:

Werther Freund Schroi
Es ist eine zeit von ungefähr 2 Monaten das ich fort bin und hab dir versprochen dir zu schreiben, vor alem zum neuen Jahr 1886 wünsche ich dir und dein Family ein glückliches und es möchte dich der Liebe Gott samt Family noch recht vile und lange Jahre mitsamen leben lassen, mit gesundheit und glück, ferners theile ich dir mit etwas über meine reise, als wir fort bin von Passau nam es 3 Tage in anspruch bis nach Antwerpen, in Antwerpen mußten wir 21/2 Tage quartir nähmen, dan ging es fort in die Neue Heimath es nahm 12 1/2 Tage aber das Atlantische, dan drafen wir in New York ein, die Sekrankheit hatte ich 5 Tage wie es weiter auf dem Meer aussiht, das werde ich dir am nächsten Sommer persönlich erzählen,

einen Tag bin ich in New York gewesen dan bin ich mit der Eisenbahn 1400 Englische Meilen gefahren nach St Paul welches in Staat Minnesota ligt, hir in St Paul ist es sehr lebhaft, aber doch gibt es Leute die es auch nicht Beliben hir zu bleiben, die Leute sind zu vil. Die Stadt ist eine sehr schöne und zählt seit der lezten Volkszählung 119,000 Einwohner, die Stadt hat sehr vile offandliche gebeide, es hat bei 60 Schulheuser, 23 Kirchen darunter 13 Katholische, und ales andere was auch in Deutschland ein so große Stadt hat, das hat auch St Paul,

du wirst fragen und rathen warum ich wider kome, das werde ich dir ales sagen und erzählen, wan ich dich persönlich spreche, mein Geschäft ist hir fast gar nicht modig, da die großen Leute eben auch die Kinder keine Holzschuhe tragen sondern die feundzten Letter Schuhe, und so ist das Holzschu Geschäft keineswegs nichts, für Leute die jede Arbeit verrichten können ist es ein gutes Land,

Amerika, hat vile wohlhabende Leut auch vile Millionen. Leben tut der arme Man vil bessser hier als in Deutschland, kein Schwarzes Brod wie di Leute in Deutschland essen müssen siht man hir garnicht, das Brod ist ales so wie Semel, Trocken, wird auch keines gegessen. Der Butter oder Honig, Sirop, Kaffe ist jede Mahlzeit auf den Tisch , Fleisch ist der ärmste Man so vil wi Er nur mag. Jeden Tag hat man 2 u 3 mahl Fleisch, di Leute können es leicht kaufen es Kost ein Pfund 5 Cent, das sind 20 Pfenig, Schweinfleisch kan man kaufen für 3 1/2 Cent oder für 15 Pfenig wen man ein ganzes Schwein kauft bei einen Farmer (Bauer) in Amerika schlacht nicht nur der  Bauer 1 oder 2 Schweine, sondern jeder Bauer Schlacht 12, 15, 20 u 40 große Schweine in jedem Jahr, und es sind große Schwein mit 150, 200, 300 u 400 Pfund, jeder Bauer hat in Amerika 6 u 8 u 10 Pferd, Kühe, Ochsen, Schaffe und ales haben Sie.

Auf der Jagd sind wir schon oft gewesen, aber bei St Paul haben wir gar nichts Schissen könen als nur ein mahl 1 Hasen u 2 Eichhasen, dan ein anderes mahl 7 Hasen, sind uns 3 Man gewesen, aber jetzt ist die Hirschen Jagd frei gewesen 2 Monat lang, da sind uns 3 Man 65 Meilen wait fort gegen Norden, sind aber auf der Eisenbahn eine Strecke gefahren und sind 13 Tage aus gewesen, da haben wir auf Blätzen oft 15 u 20 Indianer gesehen, Sind aber schon zahm, die kenen di Gesetze schon. Bekomen haben wir nur 4 Stik Hirschen, einer war ein ganz Kleiner der vileicht nicht mehr gewogen hat als 70 Pfund, der Kröste ist ungefehr 250 Pfund, ich hab 2 geschossen und noch ein 2., u 1 Wolf hat ein anderer geschossen, das war ales, man könt es genug Schüssen, wen man die Endlosen Waldungen wiste u kent. Hirschen körnen so vil nach St Paul, das man ganze Eisenbahn Wagen vol sehen kan, es ist keine Lige,

mein Gewehr häte ich schon oft verkaufen könen um 13 Dollar (56 Mark) Verkaufs aber erst am nächsten Sommer, wan ich nach Deutschland gehe, also Grus an Euch ale, und schreib mir gleich u vile Neugkeiten. hir lege ich dir mein Adresse bei, mußt aber 1 20 Pfenig Post Mark darauf kleben, ich hof daß den ersten Tag, nach empfang schreibst

Anton Schmid
sei so gut und verkaufe keine Gegenstände mer von meiner Sache was noch da ist, weil ich es dan wider haben muß.


Zweiter Brief vom 17. März 1886:

Lieber Freund Schroll,
Deinen Brief von 2ten Februar hab ich erhalten daraus gelesen daß du meinen Brief erhalten hast, auch hast mir sehr vile Neugkeiten mitgetheilt, welches mir sehr lib war, du hast auch bemerkt

ich möchte dir mittheulen was es mit deiner Schwägerin ist da du von ihr gar nichts weist, di ist bei Ihrem Schwiegersohn Hofbauer, der hat sich ein Stik Land gekauf in der Stadt, aber nur so vil mit recht gesagt ein Haus Blatz mit Garden. Er hat sich ein hibsches Haus darauf gebaut, und das Stik Land ohne Haus hat gekost bei 900 Mark, es ist aber ein Stunde von mir enpfernt, den St Paul ist sehr groß. Si ist 2 Stunden lang und 2 Stunden breit und zählt jezt bei der lezten Volkszählung 119,000 Einwohner, den Hofbauer geht es sehr gut.
Ich bin erst zwei mahl beim Hofbauer gewesen, jezt sol ich hinaus kommen auf etliche Tage zu ihm und seinen Nachbar, und soll Ihm etliche Baar Holzschuh machen, obwohl die Holzschuhe nicht recht modig sind in Amerika, besonders in di Städten, die Leute laufen aber deßwegen auch nicht Barfuß, jedes hat Letter Schuhe oder Stifel. Barfuß Siht man gar nicht gehen. Und der Winter ist bei mir sehr gut vorüber gerückt, da di Arbeit im Winters ohne diß nicht vil ist, so habe ich mich auch nicht gekümert darum, nur etliche Klafter Holz hab ich gesegt, da wird von eim Klafter mit 2 mal absegen und Spliten 6 Mark u. 75 Pf. bezahlt, aber am Somer wird es wieder Arbeit genug geben

obwoll ich den ganzen Sommer nicht mehr hir bleibe da ich im Sinn habe im Monat September oder Oktober abzureisen. Und mit der Jagd ist es jezt wider vorüber, da hir auch jedes Jahr Schonzeit egsistirt, auch dürfen eine zeit lang so gar keine Enden geschossen werden, bis zum Spätjahr, dan geht es wider los, geben thut es genug wild, es gibt Bären, Wölfe, Hirschen Füchse Büffeln Wildkatzen und so noch vile und vile Sorten Enden und Gänse gibt es genug, und wan di Jagd frei ist kan Schüßen und gehen wer wil, und die Fische sind so vil und dürfen das ganze Jahr gefangen werden. Ihm Winter werden auch in Amerika sehr vile Fische gefangen, ganze Wagen Ladungen vol kan man auf den Markt sehen

Schnee haben wir bey 3 fus Tif gehabt in Staat Minnesota die Kälte war so mittelmässig gewesen, es gibt aber Blätze wo sie gar keinen Schne bekommen, und das ganze Jahr hindurch warm bleibt, zum Beispil in die Südlichen Staaten in Texas, Luisiana, u.s.w. auch gibt es oft Blätze daß so kalt ist, daß schon manche Leute in Ihre wonh Häuser erfrohren hat welches auch Heuers der Fall gewesen ist in verschidene Länder und im Sommer oft mahl so heis ist, das die Leute den Sonnenstich bekommen haben und sind umgefallen und waren Tot gewesen.

Amerika ist in einige sachen ein sehr gutes Land, und in einigen ist es sehr übel. Für solche Leute die gesund sind und Stark, und keine Arbeit scheuen und nirgens keine Bedinungen brauchen für solche ist es ein Paradis, daher aber für solche, die imer Kränglig sind, jede Arbeit fürchten für solche ist es ein Fegefeuer, den won einer nichts verdind und imer Ausgabe da gugt es bald so übel aus das einen zu Verzweiflung kommen möcht, weil in Amerika jedes für sich selbst angewisen ist, und heist bei jeden und jedes mall, helf dir selbst und Vogel fris oder stirb, won Leute meinen das man in Amerika das geld für nichts bekomt, solche Leute Ihren sich aber doch gewis, hir heist es arbeiten und zwar fest arbeiten, weja kein unterschid ob einer in eine Faberik oder ausseit arbeitet, jeden Tag wird 10 Stunden gearbeitet von 7 Uhr früh bis 12 Uhr und von 1 Uhr nachmitags bis 6 Uhr, und jezt kon sein das die Arbeitszeit auf 8 Stund herunter gesezt wird ist aber noch nicht gewis. Arbeit gibt es aber in hille und fille nach Tausend und Tausend kon man es laufen Sehen Morgens ales zur Arbeit,

weiters wol ich jetzt nichts schreiben, da man es doch nicht schreiben kon, was man siht und was es in einer so großen Stadt gibt. Also won du meinen Brif wider bekomst, so sei so gut und schreibe mir wider ich hab das letzte mahl schon hart auf deinen Brif gewartet. Schlüßlich bist du nebst Frau und Kindern von mir recht Herzlich gegrüßt eben auch ein grus an Jos. Blöchl u Family und Michl Bramel und Joh. Kelbel u Frau, sage es den Bramel Er sol hirher komen, da braucht Er kein Jagdkard und kan nur Schüssen, won ich nach Deutschland gehe so bringe ich etliche Hirschgeweihe mit 2 Baar hab ich schon.

Also Grus an ale
Anton Schmid


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